Kybernetes: Wie ein Innsbrucker Start-up das Andocken auf hoher See sicherer macht

Wenn zwei Schiffe auf offener See aneinander festmachen, um Treibstoff zu übergeben, entscheiden oft Erfahrung und Augenmaß über den Ausgang – nicht Messdaten. Das Innsbrucker Start-up Terraformer will das mit Kybernetes ändern: einem Sensorsystem, das die riskanteste Phase der Schiff-zu-Schiff-Betankung erstmals in Echtzeit vermisst.
Die sogenannte Ship-to-Ship-Bunkerung – das Betanken eines Schiffes durch ein anderes, direkt auf dem Wasser – wächst rasant. Mit LNG, Methanol und Ammoniak als neuen Schiffstreibstoffen steigt gleichzeitig der Sicherheitsanspruch: Die Margen für Fehler sind bei diesen Stoffen deutlich kleiner als beim klassischen Schweröl. Und ausgerechnet die heikelste Phase dieses Manövers – das finale Anlegen und Festmachen – läuft bis heute weitgehend analog ab. Zwei Crews, oft aus zwei verschiedenen Unternehmen, koordinieren sich nach Sicht, ohne gemeinsame, instrumentierte Referenzdaten zur tatsächlichen Position der beiden Schiffe zueinander.
Die Achillesferse der Betankung auf See
Genau hier entstehen die größten Risiken: Rumpfkontakt, beschädigte Fender und Gefahr für die Besatzung häufen sich in der Anlege- und Festmachphase. Hinzu kommen enge Wetterfenster, da Grenzwerte für Wellenhöhe und Wind bestimmen, wann ein Transfer überhaupt stattfinden darf. Bestehende Docking-Hilfssensoren am Markt – etwa Systeme auf Radar- oder Laserbasis – wurden ursprünglich für das Anlegen an festen Kais entwickelt und sind für den offenen Seegang nur bedingt geeignet: geringe Aktualisierungsraten, aufwendige Zulassungsprozesse für die Emission, und Genauigkeiten im Zentimeterbereich, wo es eigentlich auf Millimeter ankommt.
Präzision statt Bauchgefühl
Terraformers Antwort heißt Kybernetes: ein System aus einem ereignisbasierten (neuromorphen) Kamerasensor auf dem einen Schiff und kleinen Infrarot-LED-Markern auf dem anderen. Anders als klassische Kameras, die in festen Zeitintervallen ganze Bilder aufnehmen, registriert der Sensor nur tatsächliche Helligkeitsänderungen – asynchron und mit Mikrosekunden-Auflösung. Daraus errechnet ein eingebetteter Prozessor in Echtzeit die volle Position und Ausrichtung beider Schiffe zueinander, mit 1.000 Messungen pro Sekunde und Millimeter-Genauigkeit im Nahbereich.
Die Daten laufen direkt in die Schiffsführung ein – über gängige maritime Schnittstellen wie NMEA 2000 – und stehen damit nicht nur als Anzeige für die wachhabenden Offiziere zur Verfügung, sondern auch als Grundlage für automatisierte Regelkreise. Ein zweistufiges Protokoll hält die Marker dabei im Ruhezustand, bis die Bunkerung beginnt, und ermöglicht so eine Batterielaufzeit von mehreren Jahren ohne Verkabelung oder Batteriewechsel.
Ein Robotik-Problem, gelöst auf See
Terraformer wurde von Harald Bartsch und Dr. Germain Haessig gegründet. Bartsch, Co-Founder und CEO, bringt einen Hintergrund in Controlling, Accounting und Wirtschaftsprüfung mit und verantwortet die kommerzielle und finanzielle Seite des Unternehmens. Haessig, Co-Founder und CTO, forscht und arbeitet seit über zehn Jahren im Bereich ereignisbasierter Bildverarbeitung – promoviert an der Sorbonne, mit Stationen am Institute of Neuroinformatics Zürich, beim Austrian Institute of Technology und beim französischen Sensor-Pionier Prophesee.
Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt: Präzises Andocken ist im Kern ein Robotik-Problem – nur dass es zufällig auf dem Wasser gelöst werden muss.
Der Blick nach vorn
Terraformer, mit Sitz in Innsbruck, richtet sich zunächst an Betreiber von LNG-, Bio-LNG-, Methanol- und Ammoniak-Bunkerschiffen sowie an Reedereien mit wachsender Flotte alternativ betriebener Schiffe. Aktuell sucht das Team erste Pilotpartner, um das System unter realen Bedingungen zu validieren – parallel zu Gesprächen mit Förderprogrammen und internationalen Marktpartnern.
Mehr auf der Website von Terraformer: terraformer.earth